Die Suche nach Sicherheit
Wir kommen mit der Veranlagung in diese Welt, zu anderen Menschen in Verbindung zu treten. Von unserem ersten Atemzug an streben wir unser ganzes Leben lang danach, uns in unserem Körper, der Umgebung, in der wir uns aufhalten, und in unseren Beziehungen zu anderen Menschen sicher zu fühlen.
Dabei spielt unser autonomes Nervensystem eine grundlegende Rolle. Es entscheidet darüber, wie wir all das, was wir in unserem Alltag erleben, subjektiv wahrnehmen, wie wir Entscheidungen treffen und uns letztendlich durch die Welt bewegen. Ganz gleich, ob wir uns anderen zuwenden, uns von ihnen abwenden, ob wir Kontakt suchen oder uns in anderen Fällen isolieren, all das wird vom ANS gesteuert – ohne dass die kognitiven Anteile unseres Gehirns im Spiel sind. Unterstützt durch Co-regulierte Beziehungen, entwickeln wir Resilienz. In von Erlebnissen der Fehleinstimmung geprägten Beziehungen werden wir Überlebenskünstler. Dabei „lernt“ das ANS in jeder unserer Beziehungen etwas über die Welt und wird dazu gebracht, Gewohnheiten der Verbundenheit oder der Schutzsuche zu entwickeln.
Die Polyvagal Theorie erklärt uns, dass Handlungen automatisch erfolgen, adaptiv zu verstehen sind und vom ANS tief unterhalb unseres Bewusstseins initiiert werden. Wir dürfen daher zwei wesentliche Erkenntnisse wertschätzen:
„Jede Reaktion ist eine Handlung im Dienste des Überlebens.“
„Das Wahrgenommene ist wichtiger als die Wirklichkeit.“
Das beutet im Umkehrschluss, wenn wir lernen, die Zustände unseres Nervensystems bewusst in unserem Alltag zu identifizieren, werden wir uns selbst immer mehr bewusst. Wir schaffen uns somit neue Handlungsmöglichkeiten, unser Nervensystem in einen Zustand der Sicherheit und Verbundenheit zurückzubringen. Erst hier sind wir in der Lage unser Leben selbstbestimmt und in Freude zu gestalten.
Das autonome Nervensystem besteht aus 2 Hauptzweigen, dem sympathischen und dem parasympathischen Zweig und es reagiert auf Empfindungen im Körper und Signale aus der Umgebung. Dabei nutzt es drei verschiedene Reaktionspfade, die jeweils charakteristische Reaktionsmuster nutzen:
- Der Dorsale Vagus (leitet eine Immobilisierung ein)
- Das Sympathische Nervensystem (wirkt mobilisierend)
- Der ventrale Vagus (fördert soziale Aktivität und wirkt verbindend)
Das sympathische Nervensystem bereitet uns darauf vor zu handeln. Es reagiert auf Gefahrensignale und initiiert die Ausschüttung von Adrenalin, wodurch wir Energie für die Kampf-oder Flucht Reaktion mobilisieren. Unser Herz schlägt schneller, wir atmen kurz und flach, halten in der Umgebung nach Gefahren Ausschau. Kurz gesagt: Wir sind in Bewegung. Mögliche Gefühlzustände sind Angst oder Wut, es fällt uns schwer ruhig zu bleiben oder etwas zu Ende zu bringen. Wir überhören den Klang freundlicher Stimmen, haben Schwierigkeiten in Beziehungen und sehen die Welt als gefährlich, chaotisch und unfreundlich.
Das parasympathische Nervensystem ist in zwei Teile gegliedert: dem dorsalen Vagus und dem ventralen Vagus. Der ventrale Vagus reagiert auf Signale für Sicherheit und unterstützt Gefühle der sozialen Verbundenheit und auf Sicherheit basierender Aktivität. Wenn wir tief im ventralen Vagus verwurzelt sind, fühlen wir uns sicher, ruhig und in soziale Bezüge eingebunden. Wir sind organisiert, setzen Pläne gänzlich um, sorgen für uns selbst, nehmen uns Zeit für spielerische Aktivitäten, machen Dinge gemeinsam mit anderen Menschen, fühlen uns bei der Arbeit produktiv und wir haben grundlegend das Gefühl, uns in einem regulierten, strukturierten und geordneten Zustand zu befinden. Der dorsale Vagus reagiert auf Signale, die extreme Gefahr ankündigen. Wenn wir durch Aktivität nichts mehr erreichen, unterbricht er jedes Gefühl der Verbundenheit und versetzt uns in einen sogenannten Shutdown Zustand, eine Art Notabschaltung oder auch Dissoziation – ein Zustand der Empfindungslosigkeit, der uns schützen soll. Wenn wir das Gefühl haben, erstarrt, wie betäubt oder nicht hier zu sein, dann bestimmt der dorsale Vagus die Situation. Hier sind wir in unserer Verzweiflung allein, sind hoffnungslos, fühlen uns im Stich gelassen, benebelt, zu müde zum Denken und Handeln. Wir könnten die Welt als leer, tot, dunkel oder langweilig beschreiben. Unser Geist und Körper befindet sich im Energiesparmodus. Dissoziation, Gedächtnisstörung, Depression, Isolation oder der Mangel an Energie für die Erledigung der alltäglichen Aufgaben sind die Folge.
Sind wir uns den hier beschriebenen Auswirkungen bewusst und halten wir uns wohlmöglich zu häufig abseits des ventralen Vagus auf, können wir gemeinsam in einer bemotion-Session die notwendigen Ressourcen entwickeln und wiederfinden, die benötigt werden, um im Alltag mit Leichtigkeit in einen regulierten Zustand zurückzukommen.
Dies ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben in Kontakt und Verbundenheit mit sich selbst und seinen Mitmenschen, sowie im vollen Bewusstein über die eigenen Gefühle und ursprünglichsten Bedürfnisse.
Neurozeption beschreibt die Reaktion des ANS auf Signale für Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr. Diese Signale stammen aus unserem Körper, der Umgebung oder werden durch unsere Kontakte zu anderen Menschen hervorgerufen. Anders als bei der Perzeption (Wahrnehmung) handelt es sich bei der Neurozeption und ein „Erkennen ohne Gewahrsein“ – ein Erleben, das tief unterhalb unseres bewussten Denkens stattfindet.
Durch die Neurozeption erhalten wir ständig einen Strom an Informationen. Während Signale für Sicherheit anzeigen, dass die Aufnahme einer Verbindung gefahrlos möglich ist, verweisen Signale für Gefahr auf die Notwendigkeit, Verbindungen aufzulösen. Lange bevor wir über eine bestimmte Reaktion nachdenken können, hat unser ANS bereits reagiert. Durch die Wiederholung dieser individuellen Reaktionen entstehen Gewohnheitsmuster.
Die Polyvagal Theorie erklärt uns, dass die physiologischen Zustände, die durch die Neurozeption entstehen, psychologische Erzählungen erzeugen, die unser Alltagsleben prägen.
Wie wir uns selbst sehen, über andere Menschen denken oder wie wir uns in unseren Beziehungen verhalten, ist tief in den Zuständen unseres ANS verankert.
Wir sind von Natur aus soziale Wesen und es unser beständiges Bedürfnis, mit unseren Mitmenschen zu interagieren und in harmonischen Beziehungen zu leben. Die Polyvagal Theorie beschreibt Co-Regulation als ein Bedürfnis, das zwingend erfüllt werden muss, um das Leben zu erhalten. Aufgrund der gegenseitigen Regulation unserer autonomen Zustände, fühlen wir uns sicher genug, um uns auf Verbundenheit einzulassen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen.
Co-Regulation schafft Sicherheit. Zunächst auf physiologischer Ebene, die anschließend eine psychologische Erzählung der Sicherheit fördert und zu sozialer Verbundenheit führt.
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